Konstanzer Erklärung

Konstanzer Erklärung

der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e.V. und der Fachverbände Philosophie und Ethik e.V. zum Philosophie- und Ethikunterricht an allgemeinbildenden Schulen sowie zur Lehrerausbildung an deutschen Hochschulen

Die Philosophie ist eine systematische Wissenschaft. Auch wenn sie im Lauf ihrer über zweitausendjährigen Geschichte fortlaufend Themen und Probleme an immer neu entstehende Einzeldisziplinen abgegeben hat, so hat sie in ihrer wissenschaftlichen Substanz dabei nichts verloren. Ihre systematischen Orientierungen durchdringen die Einzelwissenschaften. Sie versuchen ihnen Grund und Zusammenhang zu geben. Sie bemühen sich darüber hinaus, die praktischen Aufgaben des Wissens zu bestimmen. Das Mehr des Wissens macht die „Liebe zur Weisheit“ heute so aktuell wie zu Zeiten des Sokrates.

In ihrer langen Geschichte hat die Philosophie einen unermeßlichen Fundus an theoretischem und praktischem Wissen angesammelt. Deshalb tut sie gut daran, sich ihrer großen Tradition immer wieder zu vergewissern. Sie ist somit immer auch eine historische und das Historische reflektierende Disziplin.

Das philosophische Wissen besteht keineswegs nur in Beiträgen zur Fundierung der einzelnen Wissenschaften, auch nicht nur in den Beständen der Ethik, der Politischen Philosophie oder der seit Platon betriebenen Ästhetik. Die Philosophie ist bereits in ihrer Art zu fragen, zu argumentieren, zu kritisieren sowie ihrer unvergleichlichen Art, Wissen und Kunst zu vermitteln, eine der ältesten Kulturwissenschaften der Menschheit. Sie kann uns in vielem belehren, was in den stets krisenhaften Erscheinungen einer Gegenwart Halt und Hilfe geben kann.

Neben den Sprachen, der Geschichte, der Kunst und den Religionen ist die Philosophie ein Bildungsträger ersten Ranges. Sie ist an keine nationalen Grenzen gebunden, umgreift Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften, zieht notwendig Momente der Praxis ein und ist, durch ihren systematischen Anspruch, niemals bloß auf historische Bestände festgelegt. Da sich die Philosophie als ein interdisziplinäres Projekt versteht, vermag sie in besonderer Weise integrierendes Denken zu fördern und reflexive Kompetenzen zu vermitteln.

Um so bedauerlicher ist es, daß die Philosophie an vielen Schulen ein Schattendasein führt. Während zum Beispiel in Frankreich und Italien die Philosophie traditionell zum Fächerkanon des Gymnasiums gehört, besteht für den deutschen Philosophieunterricht vergleichsweise Nachholbedarf. Mit einem bundesweiten Schulfach Philosophie würde sich Deutschland dem bildungspolitischen Standard anderer Staaten der Europäischen Union annähern.

Dabei sind die Besonderheiten in den einzelnen Bundesländern wie auch die Entwicklungen der jüngsten Zeit zu berücksichtigen. Gegenwärtig werden Konzeptionen erarbeitet, in denen die Philosophie eine immer größere Rolle spielt. Die Schulversuche „Praktische Philosophie“ in Nordrhein-Westfalen und „Ethik/Philosophie“ in Berlin weisen in diese Richtung. Das Land Baden-Württemberg erweitert den Philosophieunterricht und plant einen Studiengang „Philosophie/Ethik“, in Mecklenburg-Vorpommern wird schon seit vier Jahren das Fach „Philosophieren mit Kindern“ erprobt. So lassen sich drei Modelle unterscheiden: 1. der philosophisch orientierte Ethikunterricht, 2. das eigene integrierte Schulfach Ethik/Philosophie und 3. der Philosophieunterricht in der gymnasialen Oberstufe.

Die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland begrüßt diese Tendenz einer stärkeren Akzentuierung der Philosophie im Bildungswesen. Sie tritt dafür ein, daß die Philosophie im Ethikunterricht die leitende Bezugswissenschaft bildet, und unterstützt die Erprobung einer Integration von Ethik und Philosophie. Insbesondere plädiert sie dafür, in allen Bundesländern ein zusätzliches Wahl-/Wahlpflichtfach Philosophie der Sekundarstufe II einzurichten.

Die Forderung nach einem philosophisch orientierten Ethikunterricht und nach einem Unterrichtsfach Philosophie hat auch Konsequenzen für die Lehrerausbildung. Diese Ausbildung sollte in einem integrativen Studium Ethik und Philosophie bestehen, zu dem auch eine institutionalisierte Fachdidaktik gehört. In denjenigen Bundesländern, in denen die Fächer Philosophie und Ethik selbständige Studiengänge bilden, ist es wünschenswert, diese Studiengänge aufeinander abzustimmen. Nach dem Staatsexamen in diesen Fächern sollte es den Absolventen möglich sein, die Lehrbefähigung im jeweils anderen Fach durch ein Erweiterungsstudium und eine entsprechende Zusatzprüfung zu erwerben. Derartige Studienabschlüsse sollen in allen Bundesländern anerkannt werden.

Nicht zuletzt soll die Weiterbildung in den Fächern Philosophie und Ethik in einem Ergänzungsstudium an einer Hochschule mit einem akademischen Examen bestehen. Selbst diese Regelung hat gegenüber dem regulären Studium lediglich Übergangscharakter. Deshalb ist dafür Sorge zu tragen, daß wenigstens ein Teil der Direktstudenten nach dem Studienabschluß in den Schuldienst eingestellt wird. Auch für Philosophielehrerinnen und -lehrer ist der sogenannte Einstellungskorridor zu öffnen. Ferner sollen die Lehrangebote in der Fortbildung vermehrt und differenziert werden.

Konstanz, den 4. Oktober 1999,

Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß
(Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e.V.) Dr. Frank Witzleben
(Vorsitzender des Fachverbands Philosophie e.V.)
Prof. Dr. Johannes Rohbeck
(Leiter der Arbeitsgemeinschaft Philosophie und Ethik in der Schule)