Bonner Erklärung
der Deutschen Gesellschaft für Philosophie zum Philosophie- und Ethikunterricht
Schule und Bildung stehen seit einigen Jahren auf dem Prüfstand. Für die Bundesrepublik Deutschland waren die Ergebnisse der PISA-Studie bestürzend. Beim Textverständnis, beim naturwissenschaftlichen Denken und mathematischen Problemlösen belegten die deutschen Schüler gerade einmal den 22. Platz unter 33 einbezogenen Staaten. Im Bereich der Lesekompetenz betreffen die Defizite vor allem das Erfassen von Informationen aus alltäglichen und literarischen Texten, das Begreifen sinnvoller Zusammenhänge sowie die Einordnung von Textinformationen in einen größeren Wissenskontext. Grundsätzlich mangelt es an der Fähigkeit, ein Verständnis von Texten selbstständig zu erarbeiten und in reflektierter Form darzustellen. Hinzu kommen Defizite in der lebenspraktischen Kompetenz, Probleme und Konflikte zu lösen.
Der Unterricht in den Fächern Philosophie und Ethik ist ein ausgezeichneter Ort, an dem Schülerinnen und Schüler die weitgehend vermissten Kompetenzen erwerben können. Denn philosophisches Denken vermittelt ein Orientierungswissen, das sich auf übergreifende Zusammenhänge des persönlichen Lebens, eigener und fremder Kulturen wie auch der Welt im Ganzen bezieht. Philosophie und Ethik können dazu beitragen, ein orientierendes Weltwissen integrativ zu vermitteln. Die dabei erworbenen Fähigkeiten sind nicht nur fachspezifisch, sondern lassen sich auf andere Disziplinen und Lebenssituationen übertragen. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Kompetenzen:
Textkompetenz
Philosophische Texte gelten als besonders schwer zu verstehen. Gleichzeitig sind sie so dicht und komplex, dass sie es wert sind, sich mit ihnen intensiv auseinander zu setzen. Auf exemplarische Weise üben die Schüler, Wortbedeutungen zu erkennen, Sinneinheiten zu bestimmen und gedankliche Zusammenhänge herzustellen. Bei der Produktion eigener Texte lernen sie, selbstständig Gedanken argumentativ zu entfalten, zu verallgemeinern und sprachlich angemessen zu formulieren. Auch außerhalb der Philosophie wird diese Kompetenz in vielen Berufsfeldern zunehmend geschätzt.
Soziale Kompetenz
Seit den Anfängen der Philosophie bildet der Dialog ein wesentliches Merkmal lebendigen Philosophierens. Im Unterricht lernen die Schüler, nicht bloße Meinungen, sondern rational begründete Argumente auszutauschen. In Rede und Gegenrede werden intellektuelle Schärfe und Kritikfähigkeit geschult. Zugleich erzieht dieser Dialog zu einer sittlichen Haltung, die auch in anderen Lebensbereichen gefordert ist: zum gutwilligen Zuhören, zum Tolerieren anderer Standpunkte wie auch zur kritischen Distanz gegenüber der eigenen Position. In einem lebensweltlich und handlungsorientierten Philosophie- und Ethikunterricht wird diese Toleranz praktisch erfahren.
Interkulturelle Kompetenz
Die Philosophie ist die älteste Kulturwissenschaft. Ihre Aufgabe bestand immer schon darin, fremde und eigene Kulturen zu verstehen. So hat sie den Integrationsprozess verschiedener Kulturen in Europa reflexiv begleitet. Heute kommt es darauf an, diese Bemühung um wechselseitige Verständigung über Europa hinaus fortzuführen. Im Philosophie- und Ethikunterricht lernen die Schüler, kulturelle Phänomene zu interpretieren, indem sie deren grundlegende Deutungsmuster und religiöse Weltbilder reflektieren. In den meisten Schulklassen wird der interkulturelle Austauschprozeß bereits erfahren und praktiziert. Das fördert das Verständnis fremder Kulturen und nicht zuletzt auch der eigenen Kultur.
Urteilskompetenz
Wenn vom Ethikunterricht zu Recht gefordert wird, zur moralischen Erziehung der Kinder und Jugendlichen beizutragen, so ist zu ergänzen, dass dies nur auf der Grundlage eigener Urteilsfähigkeit möglich ist. Das bedeutet auch mündige Teilhabe am öffentlichen Diskurs über Fragen der Lebensführung und über die Verantwortung der Wissenschaften. Im Philosophie- und Ethikunterricht können sich die Schüler methodisches Wissen aneignen, mit dessen Hilfe ethische Probleme lösbar oder zumindest klarer erkennbar sind. Eine solche Urteilskompetenz dient sowohl der Persönlichkeitsentwicklung als auch der politischen Kultur in diesem Land.
Orientierungskompetenz
Durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken ist die paradoxe Situation entstanden, dass einerseits neues Wissen exponentiell zunimmt und dass gleichzeitig tradiertes Wissen entsprechend schnell veraltet. Dadurch gerät auch schulisches Wissen in eine Krise. Die neue Aufgabe besteht darin, sich technisch übermittelte Informationen als persönliches Wissen anzueignen. Um Wissen gemessen an eigenen Zielvorstellungen bewerten zu können, bedarf es einer übergreifenden Orientierung. Eine solche kulturelle Synthese heißt traditionell Bildung und ist heute mehr denn je gefragt. Die Philosophie ist ein Bildungsfach, das in erster Linie diese allgemeine Orientierungskompetenz vermittelt.
Interdisziplinäre Methodenkompetenz
Angesichts der veränderten Situation unserer technischen Zivilisation fordern Bildungsforscher eine neue Lernkultur. Sie besteht darin, das Lernen selbst erlernbar zu machen, indem das Lernen methodisch reflektiert wird. Methodisches Lernen soll dazu befähigen, mit dem erworbenen Wissen flexibel und selbstständig umzugehen. Gerade die Philosophie vermittelt diese interdisziplinäre Methodenkompetenz. Die philosophisch reflektierten Methoden der Analyse, Konstruktion, Kritik, Interpretation oder Beschreibung lassen sich auch im Unterricht vermitteln, damit sie von Schülern in anderen Wissensbereichen angewendet werden können.
Um diese Kompetenzen im Philosophie- und Ethikunterricht vermitteln zu können, bedarf es bestimmter institutioneller Voraussetzungen in den einzelnen Bundesländern. Zu begrüßen sind die neuen Schulversuche in diesen Fächern und die stärkere Profilierung der Philosophie in einem interdisziplinären Diskurs. Folglich sollten die abgeschlossenen Schulversuche möglichst zügig zu eigenständigen Fächern führen. Das erfordert eine breite und gründliche Ausbildung der entsprechenden Lehrerinnen und Lehrer mit praxisbezogenen Studiengängen in Philosophie und Ethik. Die Weiterbildung soll nur an Universitäten und Hochschulen stattfinden. Den grundständigen Lehramtsstudiengängen ist jedoch der Vorrang einzuräumen, wozu auch eine Stärkung der Fachdidaktik Philosophie und Ethik gehört. Für Philosophie- und Ethiklehrer ist ein Einstellungskorridor offen zu halten. Der Philosophie- und Ethikunterricht sollte dem Religionsunterricht in allen Bundesländern gleichgestellt werden.
Bonn, den 25. September 2002,
Prof. Dr. Wolfram Hogrebe
(Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e.V.)
Dr. Frank Witzleben
(Vorsitzender des Fachverbands Philosophie e.V.)
Prof. Dr. Johannes Rohbeck
(Leiter der Arbeitsgemeinschaft Philosophie und Ethik in der Schule)